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An dem Morgen, als wir beschlossen, das Wohnmobil in Salou stehen zu lassen, strahlte der Himmel in einem so perfekten Blau, dass es fast schon kitschig wirkte. Wir standen seit zwei Tagen auf dem Área de Autocaravanas – einer dieser Stellplätze, die sich am Ende in eine Art Operationsbasis verwandeln, der Ausgangspunkt für all die Abenteuer, die eine Küste wie diese zu bieten hat. Meine Frau scrollte auf ihrem Handy, die Kinder spielten im Schatten. Und dann plötzlich: „Warum fahren wir nicht nach Tarragona? Es ist ganz nah.“ Zwanzig Minuten mit dem Zug. Eine Entscheidung, die – rückblickend betrachtet – zu jenen gehört, die einem noch wochenlang im Gedächtnis bleiben. Salou ist strategisch günstig, das haben wir sofort begriffen. Der Bahnhof ist nur wenige Schritte vom Parkplatz entfernt – ein halber Kilometer zu Fuß, genug, um keine Expedition zu sein, aber nicht so nah, dass es wie ein Zufall wirkt. Der Regionalzug, der Salou mit Tarragona verbindet, ist pünktlich, preiswert und vor allem setzt er einen direkt im Herzen der Stadt ab, am Bahnhof Tarragona. Es ist keines dieser Verkehrsmittel, die einen am Stadtrand stehen lassen. Es ist ein direktes Tor in die Stadt.

Das Amphitheater: Wo die Show niemals endete

Die erste Begegnung mit Tarragona lässt nicht lange auf sich warten. Wenn man vom Zentrum aus in Richtung Strandpromenade geht – kaum zehn Minuten zu Fuß –, steht man plötzlich vor dem Amfiteatre. Das römische Amphitheater thront im Parque del Miracle mit einer fast schon unheimlichen Präsenz, als wären zwei Jahrtausende spurlos an ihm vorbeigegangen.

Erbaut im 2. Jahrhundert n. Chr., bot dieses Amphitheater einst Platz für bis auch 14.000 Zuschauer. Heute ist es das, was von dieser Pracht übrig geblieben ist: keine vollständige, theatralische Ruine wie das Kolosseum, sondern etwas weitaus intimeres und faszinierenderes. Die teilweise ausgegrabenen Ränge, der rote Sand, der noch immer den Boden der Arena bedeckt, und die Säulen, die wie Zähne einer schlafenden Kreatur aus dem Boden ragen. Wenn man im Inneren steht, während die Tochter zwischen den unteren Ebenen umherläuft und die Ehefrau kaum glauben kann, dass hier wirklich Tausende von Menschen saßen, um Gladiatorenkämpfe zu sehen, bekommt die Zeit etwas Seltsames. Es ist nicht mehr die lineare Zeit eines Touristenbesuchs. Es wird zur Zeit Roms – einer Zivilisation, die so konkrete, so greifbare Spuren hinterlassen hat, dass man sie anfassen kann.

Gehen Sie mit den Kindern hinunter in die Arena. Lassen Sie sie rufen. Die Akustik funktioniert noch immer. Wenn sie aus der Mitte schreien, prallt der Schall von allen Rängen ab, und sie begreifen – wirklich begreifen –, wie die Stimme eines Gladiators jeden einzelnen Zuschauer erreichen konnte. Das ist kein Schulunterricht – das ist Magie.

Die beste Zeit für einen Besuch ist gegen 17:00 Uhr, wenn die Sonne unterzugehen beginnt. Zu dieser Stunde trifft das goldene Licht die Steine so, dass sie fast von innen heraus zu leuchten scheinen. Das Mittelmeer im Hintergrund – man kann es von hier oben, vom höchsten Punkt des Amphitheaters, klar sehen – wird so tiefblau, dass es wie eine Absichtserklärung der Natur wirkt. Der Eintritt kostet 3,50 Euro. Er ist jeden Cent wert. Das Amphitheater ist im Sommer von 9:00 bis 20:00 Uhr und im Winter von 9:00 bis 18:00 Uhr geöffnet. GPS: 41.114504, 1.258573.

Das Römische Amphitheater von Tarraco (Tarragona)

Das römische Amphitheater aus einer anderen Perspektive

Die Kathedrale: Der Atem der katalanischen Gotik

Vom Bahnhof oder der Strandpromenade aus begeben Sie sich in Richtung des ummauerten historischen Zentrums. Die Gassen werden enger, kleine Läden weichen Gassen, in denen die Zeit noch langsamer zu vergehen scheint. Und hier ist sie: die Plaça de la Catedral.

Die Metropolitan-Kathedrale von Tarragona ist nicht einfach nur eine Kirche. Sie ist ein in Stein gehauenes Machtbekenntnis, und wenn man den Platz davor betritt, ist der erste Instinkt, den Blick nach oben zu richten. Die gotische Fassade dominiert alles – erbaut zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert, ist es eine Architektur, die den Himmel erreichen zu wollen scheint und einen gleichzeitig durch die Last ihrer Beständigkeit am Boden verankert. Die Türmchen, die Spitzbögen, die Reliefdetails, die biblische Geschichten erzählen: Jedes Element wurde konzipiert, um etwas Heiliges, etwas Ewiges zu vermitteln.

Im Inneren verändert das Licht alles. Die Kirchenfenster projizieren blaue, rote und grüne Nuancen auf den Steinboden. Es gibt Kunstwerke – Altarbilder, Skulpturen, Wandteppiche –, die einen professionellen historischen Führer verdienen würden, aber die emotionale Wirkung stellt sich ohnehin ein. Die Kathedrale vermittelt Schönheit selbst jenen, die die Codes der mittelalterlichen religiösen Kunst nicht lesen können.

Wenn Ihre Beine noch mitmachen, steigen Sie die Seitentreppen hinauf. Sie sind schmal, ein wenig klaustrophobisch – nicht geeignet für Menschen mit Höhenangst –, aber sie führen bis auf das Dach der Kathedrale. Von dort oben hat man einen 360-Grad-Blick: Tarragona liegt einem zu Füßen, das Mittelmeer ist noch näher, und man kann die anderen über die Stadt verstreuten Kirchen fast berühren. Ihre Kinder werden sagen: „Wir haben den Himmel erreicht“, und sie werden nicht ganz unrecht haben.

Öffnungszeiten: 10:00–14:00 Uhr und 16:00–19:00 Uhr. Eintritt: 4,00 Euro. GPS: 41.118718, 1.257772.

Tipp: Gehen Sie früh am Morgen, wenn Sie Touristengruppen vermeiden wollen; für Fotos ist das Licht am Nachmittag jedoch besser.

Die Kathedrale

Was für eine Aussicht auf die Stadt!

Das historische Zentrum: Ein Spaziergang zwischen römischen Steinen

Tarragona ist kein Museum. Es ist eine Stadt, in der die Vergangenheit inmitten der Menschen, die dort leben, fortbesteht. Wenn Sie vom Zentrum in Richtung Strandpromenade spazieren, werden Sie bemerken, dass die Fundamente vieler moderner Gebäude auf römischen Mauern ruhen. Sie werden lateinische Inschriften an den Fassaden sehen. Eine rote Backsteinmauer, die ein modernes Haus stützt, kann zweitausend Jahre alt sein.

Das ist es, was Tarragona von anderen historischen Städten unterscheidet: Es ist keine Insel der Vergangenheit innerhalb der Gegenwart. Es ist eine Verschmelzung. Die Kinder beginnen, die Details wahrzunehmen – einen Stein mit Inschriften, einen antiken Bogen in einem modernen Gebäude – und fangen an, ihre eigene Geschichte dazu zu spinnen. Es ist kein Touristenbesuch. Es ist eine Entdeckung.

Schlendern Sie entlang der Rambles, der Hauptpromenade, die vom Zentrum zum Meer hin abfällt. Die Bäume spenden Schatten, es gibt Bänke zum Ausruhen und das Tempo verlangsamt sich. Von hier aus gelangen Sie zu den Stränden, wenn Sie kurz schwimmen gehen möchten, oder Sie setzen sich einfach hin und lassen die Atmosphäre von Tarragona auf sich wirken.

Ein Spaziergang zwischen römischen Steinen

Zeit für eine Erfrischung

Die Rückkehr nach Salou: Wenn Magie zur Erinnerung wird

Gegen 19:00 Uhr, wenn die Sonne beginnt, den Himmel in Orange- und Rosatönen zu färben, werden Sie das Schönste tun: Sie kehren zum Bahnhof von Tarragona zurück, als kämen Sie von einer weitaus längeren Reise heim. Der Zug bringt Sie in zwanzig Minuten zurück nach Salou. Ihre Kinder, müde auf diese gute Art, die bedeutet, dass sie wirklich etwas erlebt haben, werden aus dem Fenster schauen. Ihre Frau wird zum Handy greifen und den Sonnenuntergang aus dem Zugfenster fotografieren.

Wenn Sie am Stellplatz aussteigen, wartet das Wohnmobil genau dort auf Sie, wo Sie es zurückgelassen haben. Sie werden das Abendessen in der Drei-Quadratmeter-Küche zubereiten, draußen sitzen und jemand wird sagen: „Tarragona war wunderschön, oder?“ Und Sie werden an diese zweitausend Jahre Geschichte denken, an die Stufen des Amphitheaters, an das Licht in den Kirchenfenstern der Kathedrale, und Sie werden begreifen, dass es nicht nur ein Tagesausflug war. Es war eines dieser Erlebnisse, die man für immer bei sich trägt.

Tarragona lehrt einen etwas: Dass man nicht weit reisen muss, um sich angesichts von etwas Großem klein zu fühlen. Man muss sich nur dazu entscheiden, aus dem Wohnmobil auszusteigen und dem Horizont entgegenzugehen.

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